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Willkommen im Globalen Dorf /
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Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Einleitung   
Gaia in Farben (Auszug aus dem Buch)   
1. Der Aufbruch (Tinuviel)   
2.Kapitel Das Neue Mittelalter   
Die Offenen Türen   
3. Opher oder das Leben in und mit den Bäumen   
Schluss   
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Einleitung    

Herzlich "Willkommen im Globalen Dorf" . Hier spricht wieder Franz Nahrada, und unsere heutige, vierundsiebzigste Sendung trägt den Titel „Gaia in Farben“. ˧

In der letzten Sendung haben wir uns mit der dunklen Seite der Gemeinschaft beschäftigt. Mit einer Erfahrung, die gerade für diejenigen wichtig ist, die in gemeinschaftlichen Lebensformen eine Zukunft sehen: Nähe und Zusammenhalt können Menschen tragen. Sie können aber auch einen Druck erzeugen, dem sich der Einzelne kaum entziehen kann. Ein gemeinsamer Traum kann Raum zur Entfaltung schaffen. Er kann sich jedoch auch so sehr verfestigen, dass jede Abweichung als Bedrohung erscheint. ˧

Diese Fragen begleiten uns heute weiter. Denn gerade wenn wir Gemeinschaften als mögliche Träger einer anderen Gesellschaft ernst nehmen, müssen wir auch darüber nachdenken, wie sie mit Widerspruch, Veränderung und Abschied umgehen. Was geschieht mit einem Menschen, der entdeckt, dass sein Leben eine andere Richtung nehmen möchte? Kann er gehen? Wo findet er Aufnahme? Und kann er zurückkehren, wenn sich seine Hoffnungen anderswo nicht erfüllen — oder wenn er einfach seine vertraute Umgebung vermisst? ˧

Damit betreten wir heute eine Zukunftswerkstatt. Wir wollen eine Welt gedanklich erkunden, in der Menschen sehr unterschiedliche Formen des Zusammenlebens entwickeln. Eine Welt, in der diese Unterschiede erwünscht sind und in der es zugleich Einrichtungen gibt, die verhindern, dass Menschen in ihrer Herkunft oder Zugehörigkeit gefangen bleiben. ˧

Ein wichtiger Bezugspunkt dafür bleibt „bolo’bolo“, der anarchistische Gesellschaftsentwurf des Schweizer Autors P. M. aka Hans Widmer, den ich in der letzten Sendung ein wenig kritischer zu sezieren begonnen habe. ˧

Die Grundidee dieser fiktiven Zukunftswelt ist eine Welt vielfältiger Gemeinschaften, die ihre Lebensgrundlagen weitgehend selbst organisieren und miteinander kooperieren. Ein „bolo“ ist eine solche Gemeinschaft. Das Wort „nima“ bezeichnet ihre kulturelle Eigenart, ihre Lebensweise, das, was ihren Alltag prägt und ihr Bedeutung gibt. Auch Gastfreundschaft und die Möglichkeit, sich zwischen Gemeinschaften zu bewegen, gehören bereits zum ursprünglichen Entwurf. ˧

Wir wollen diese Gedanken aufgreifen und weiterentwickeln. "Gaia in Farben" ist dafür unser vorläufiger Arbeitstitel: ein von mir lange geplantes aber nie realisiertes Buchprojekt, eine Art „bolo’bolo 2.0“, für das diese Sendung eine wichtige Werkstatt sein soll. Wir werden dabei immer wieder fragen müssen, ob unsere schönen Vorstellungen auch dann noch tragen, wenn Konflikte entstehen. Wenn Menschen enttäuscht werden. Wenn eine Gemeinschaft ihre eigenen Versprechen verletzt. ˧

„Gaia in Farben“ ist wie gesagt ein Romanprojekt, das ich vor 16 Jahren (Februar 2010) begonnen habe. Es spielt im zweiundzwanzigsten Jahrhundert. Die Erde ist darin wie bei Hans Widmer zu einer Welt vieler eigenständiger Orte geworden, mit sehr unterschiedlichen Kulturen und Lebensentwürfen. ˧

Kooperation und Wissensaustausch sind aber weitgehend als Grundlage aller verschiedenen lokalen Manifestationen anerkannt. Und eine Gruppe junger Menschen aus einem Künstlerdorf macht sich auf den Weg, diese Welt kennenzulernen. ˧

In meinem Vortrag bei den Pioneers of Change Kongress "Wir und Jetzt" 2015 „Vision der Globalen Dörfer 2.0“ habe ich diesen Gedanken weitergeführt. Das Erwachsenwerden ist dort mit einer ausgedehnten Lernreise verbunden. Als Anregung diente mir unter anderem das „Rumspringa“ der Amish in Pennsylvanien: eine Zeit, in der junge Menschen ihre vertraute Gemeinschaft verlassen und andere Lebensweisen kennenlernen können. In meiner Zukunftsvision geht es dabei allerdings gerade nicht darum, die Schlechtigkeit der Welt draußen zu erfahren und reumütig zurückzukehren. Es geht darum, ihre Farbigkeit zu entdecken — die Vielfalt menschlicher Möglichkeiten und vielleicht auch die eigene Berufung. ˧

Aus diesem Aufbruch wird eine gesellschaftliche Einrichtung. Junge Menschen können für eine längere Zeit in anderen Gemeinschaften leben, mitarbeiten und lernen. Sie begegnen Menschen, die ganz andere Vorstellungen davon haben, was ein gutes Leben ausmacht. Dabei erfahren sie nicht nur, was sie anziehend finden. Sie erleben auch, was ihnen fremd bleibt, was sie fordert und was sie vielleicht mit nach Hause nehmen möchten. ˧

Diese Reise verändert den Ort, von dem sie aufbrechen. Denn die Gemeinschaft weiß: Manche werden anderswo bleiben. Andere werden zurückkehren, verändert durch ihre Erfahrungen. Vielleicht bringen sie neue Fähigkeiten mit, neue Fragen oder eine Vorstellung davon, wie sich das eigene Zusammenleben weiterentwickeln könnte. Der Aufbruch gehört dann zum gemeinsamen Leben. Er ist weder Verrat noch Abkehr, sondern eine Möglichkeit, Zugehörigkeit zu prüfen und neu zu gestalten. ˧

Hier liegt der Ausgangspunkt unserer heutigen Werkstatt: Freiheit zur Veränderung braucht eine gesellschaftliche und materielle Grundlage. Eine Reise braucht Zeit, Unterkunft und Versorgung. Ein Wechsel braucht einen anderen Ort, der Aufnahme ermöglicht. Und eine Rückkehr braucht die Gewissheit, dass ein Mensch durch seinen Aufbruch nicht jeden Anspruch auf Unterstützung verloren hat. Das muss auch für Menschen gelten, die nicht einfach aufbrechen können — weil sie Betreuung brauchen, wenig mobil sind oder erst später im Leben neue Wege suchen. ˧

Damit stellen sich konkrete Fragen an unser „bolo’bolo 2.0“: Wie organisieren Gemeinschaften solche Lernreisen? Wie können unterschiedliche nimas stark und unverwechselbar sein, ohne ihre Mitglieder festzulegen? Und wie können Menschen gehen, wechseln und zurückkehren, ohne dass sie ihre Lebensgrundlage verlieren? Das letzte Mal haben wir davon gesprochen, dass Menschen auch unter Umständen vor den vereinnahmenden und repressiven Wirkungen von gemeinschaftlicher Enge geschützt werden müssen. Ich erinnere hier an eine frühere Radiosendung, die "Wege aus der Enge" hieß. ˧

Mit diesen Fragen wollen wir in die Werkstatt gehen. Nicht als fertiger Entwurf einer idealen Gesellschaft, sondern als Versuch, die Vielfalt der Lebensformen mit wirklicher Freiheit zu verbinden. Denn „Gaia in Farben“ wird erst dann mehr als ein schönes Bild, wenn Menschen in dieser Welt verschiedene Arten des Lebens nicht nur bestaunen, sondern erfahren, wählen und mitgestalten können. ˧

Bevor wir loslegen, möchte ich noch auf ein zweites Buch verweisen das mich sehr zu dieser spezifischen Herangehensweise inspiriert hat. Es handelt sich zwar um klassische Science Fiction aus der Heinlein Ära, aber das Buch ist erstaunlich aktuell geblieben. Gemeint ist Rite of Passage (1968) von Alexej Panshin - sein erster und erfogreichster Roman, mit dem er 1969 den Nebula Award gewonnen hat. Angesiedelt in einer Zeit nach der Zerstörung der Erde am Ende des 22. Jahrhunderts beschreibt er die Zivilisation der sieben ehemaligen Kolonisierungsraumschiffe, die zwar Menschen auf dutzende Planeten gebracht haben, aber sich in einem scharfen kulturellen Gegensatz zu den Siedlerkolonien befinden. ˧

In Rite of Passage muss Mia, ein Mädchen auf einem Raumschiff, mit vierzehn eine „Prüfung“ bestehen: einen Monat gemeinsam mit anderen aus der Klasse 30 Tage auf einem möglicherweise Planeten zu überleben. Die Probe soll den Übergang ins Erwachsenenleben markieren, knüpft an archaische Rituale an. Doch sie führt Mia nicht einfach zu mehr Selbstständigkeit. Durch ihre Begegnungen mit den Bewohnern des Planeten gerät auch ihr Blick auf das Weltbild ihrer eigenen Gesellschaft ins Wanken. Die Menschen vom Schiff behandeln die Kolonisten verächtlich; am Ende beschließt der Schiffskonvent unter der Führung von Mias Vater sogar, die ganze planetare Bevölkerung dieser Kolonie in einer Bestrafungsaktion zu vernichten. Mias eigentliche Reifung liegt darin, die moralischen Grenzen ihrer eigenen Gemeinschaft zu erkennen und sich dieser Entscheidung entgegenzustellen. ˧

Das ist die Stärke des Romans: Der Übergangsritus bestätigt die Gesellschaft nicht einfach, sondern macht ihre Gewalt und ihre blinden Flecken sichtbar. Die - in diesem Falle allerdings verpflichtende und erzwungene - "Lernreise" führt also nicht bloß zur Entdeckung anderer Lebensformen; sie kann auch die Herkunftsgemeinschaft selbst fragwürdig machen. Mia kehrt nicht einfach als besser angepasste Erwachsene zurück, wie die strikte Zivilisation es erwartet, sondern als politisch bewusste Person, die mit den Gedanken spielt, eines Tages ihre Gesellschaft zu verändern, auch wenn Panshin hier ganz bewusst das Ende offen lässt. ˧

(Musikpause) ˧

Gaia in Farben (Auszug aus dem Buch)    

1. Der Aufbruch (Tinuviel)    

Die Muschelarena von Tinuviel füllte sich mit dem letzten Licht des Tages, und die Hecken begannen zu singen. ˧

Marco hatte das als Kind nie ganz geglaubt: dass die Sträucher am oberen Rand, die man vor drei Generationen in dieser Form gezogen hatte, den Abendwind in Töne verwandelten. Ein tiefes Summen aus den Weiden, darüber ein dünnes Klirren aus den Samenkapseln, die man eigens dafür gezüchtet hatte. Es klang nie gleich. Jeder Abend hatte seine eigene Musik, und die Alten sagten, man erkenne am Ton der Muschel, wie das Jahr gewesen sei. ˧

Heute war der Ton warm und ein wenig zögernd, als wüsste auch die Hecke, was gleich geschah. ˧

Er saß in der untersten Reihe, auf den Stufen aus gestampftem Lehm, die von Tausenden Sohlen glatt geworden waren. Neben ihm Lucinda, die Knie an die Brust gezogen, und links und rechts von ihnen die anderen sechs: Ife, die seit dem Morgen kein Wort gesagt hatte; Kaspar, der so tat, als sei ihm nichts anzumerken, und dabei unentwegt an seinem Ärmel zupfte; Mei-Lin, Dario, Salome und der kleine Henrik, der gar nicht mehr klein war und es doch für immer bleiben würde, solange ihn seine Mutter so nannte, die gerade irgendwo in den oberen Reihen laut schnäuzte. ˧

Acht junge Menschen. Achtzehn, neunzehn, zwanzig Jahre alt. Sie hatten alles gelernt, was Tinuviel ihnen geben konnte: das Weben und das Bauen, die Pflege der Terrassen, das Zusammenspiel in der Gruppe, die Kunst, einem Ort etwas zurückzugeben, von dem man genommen hat. Sie konnten Wasser lesen und Streit schlichten. Sie konnten, wenn es sein musste, eine Fremde so lange anhören, bis sie sich verstanden fühlte. ˧

Was sie nicht kannten, war der Rest der Welt. ˧


˧

Das Dorf kam in Gruppen die Rampen herunter, mit Decken und Körben und den Kindern auf den Schultern. Niemand trug Festkleidung. In Tinuviel war das Fest die Aufmerksamkeit, nicht die Garderobe. Jemand hatte Brot mitgebracht, jemand ein Fass vom dunklen Apfelwein, und aus den Gärten wanderten die Kerzen aus Bienenwachs von Hand zu Hand, bis die ganze Muschel flackerte wie eine Landkarte bei Nacht. ˧

Tamsin, die Älteste, trat in die Mitte. Sie war nicht gewählt und nicht ernannt; sie war einfach diejenige, die es seit vielen Jahren tat, und sobald sie jemand ablösen wollte, würde sie es mit Erleichterung hergeben. Sie hielt keine Rede. Sie wartete, bis das Murmeln verebbt war und die Hecke allein sang. ˧

»Ihr wisst, wozu wir hier sind«, sagte sie schließlich. »Acht von uns gehen auf Reise. Nicht fort. Auf Reise.« ˧

Der Unterschied war ein Teil des Rituals, und jeder im Rund kannte ihn. ˧

»Wir haben euch gelehrt, was wir können«, fuhr sie fort. »Das ist nicht viel, gemessen an dem, was es gibt. Es gibt Orte, an denen man in Bäumen wohnt. Es gibt Orte, an denen man nichts besitzt außer dem, was man gerade teilt. Es gibt Dörfer, die schweigen, und Dörfer, die tanzen, und manche beides abwechselnd. Es gibt Gemeinschaften, die ihr lieben werdet, und andere, die euch das Herz zusammenziehen. Ihr werdet nicht alles verstehen. Das ist nicht eure Aufgabe. Eure Aufgabe ist, hinzusehen.« ˧

Sie sah einen nach dem anderen an. Marco spürte, wie ihm der Blick bis in die Knochen ging. ˧

»Ihr werdet dort arbeiten«, sagte sie, »denn ein Gast, der nur schaut, ist ein Zuschauer, und ein Zuschauer lernt wenig. Ihr werdet mit euren Händen etwas beitragen, und ihr werdet euch von fremden Händen etwas zeigen lassen. Ihr werdet nicht missionieren. Ihr werdet kein Urteil mitbringen, bevor ihr eines gewonnen habt. Und wenn ihr eines gewonnen habt, werdet ihr es dem Ort sagen, an dem ihr es gewonnen habt, bevor ihr es uns sagt.« ˧

Ein leises Lachen ging durch die Reihen. Das war ein alter Satz, aber er hatte noch Biss. ˧

--- ˧

Dann kam, was Marco am meisten gefürchtet und am meisten ersehnt hatte. ˧

Tamsin trat zurück, und aus dem Dorf stand einer nach dem anderen auf. Es waren keine Beauftragten und kein Rat. Es standen einfach alle auf, bis die ganze Muschel aufrecht war, vom Säugling im Tragetuch bis zum alten Gärtner, der sich auf zwei Stöcke stützen musste. ˧

»Wir tragen eure Reise«, sprach das Dorf im Chor, und es klang nicht einstudiert, sondern wie das Atmen einer großen Sache. »So wie wir die Ernte tragen und das Dach und die Kranken. Euer Brot unterwegs ist unser Brot. Euer Bett ist unser Bett, wo immer ihr schlaft. Was die Reise kostet, zahlen wir alle, und niemand wird deshalb weniger.« ˧

»Wir tragen eure Fragen«, sprach das Dorf. »Auch die, die euch von uns wegführen.« ˧

Dann folgte ein Satz, bei dem Marcos Kehle eng wurde, obwohl er ihn seit seiner Kindheit kannte: ˧

»Und wir halten euch einen Platz frei. Wenn ihr zurückkommt, ändert das nichts daran, dass ihr hierher gehört. Wenn ihr bleibt, wo ihr hingeht, ändert das auch nichts. Ihr schuldet uns keine Rückkehr, und ihr verliert nichts durch den Abschied.« ˧

Die Hecke sang. Eine Kerze flackerte und fing sich wieder. ˧

Marco blickte hinauf zu dem Rang direkt unter dem Scheitel der Muschel. Dort gab es eine Reihe von Sitzplätzen, die in jedem Jahr leer blieben. Als Kind hatte er geglaubt, sie seien für Geister reserviert. Dann hatte ihm seine Großmutter erklärt, wem sie gehörten: den Weggegangenen. Denen, die nie wiedergekommen waren, und denen, die kommen würden, und denen, die bei Fremden ein neues Zuhause gefunden hatten und manchmal im Herbst Briefe schickten. Bei jedem Abschiedsfest rief jemand ihre Namen aus, einen nach dem anderen, und jemand antwortete jedes Mal: *Wir wissen, wo du bist, und wir freuen uns.* ˧

Heute rief Salomes Großvater die Namen. Es waren neununddreißig. Marco kannte nur wenige, aber bei einem blieb er hängen: Ruth, die Weberin. Sie war vor siebzehn Jahren nach Süden gegangen, in ein Dorf, das aus Glas und Stille bestand, und nie zurückgekehrt. Zur Weihnachtsnacht schickte sie jedes Jahr ein Stück Stoff. Das Dorf hängte es an eine Wand im Gemeinschaftshaus, und mittlerweile war die Wand fast voll. ˧

  
  • Wir wissen, wo du bist, und wir freuen uns.*
Gegen Ende, als das Brot geteilt war und die Kinder an den Rändern zu dösen begannen, kam Tamsin mit einem Korb zu den acht. Darin lagen Muscheln, flach und handtellergroß, aus dem Kalkstein der Bucht geschnitten, jede mit einem eingravierten Spiralmuster, das nur halb zu Ende geführt war. ˧

»Das ist euer Schlüssel«, sagte sie. »Er sperrt nichts auf. Er ist nur der Beweis, dass ihr hier erwartet werdet. Wenn ihr in einem Dorf seid und es euch dort nicht gut geht, zeigt ihn jemandem. Wenn euch jemand daran hindert, den Ort zu verlassen, zeigt ihn jemandem. Wenn ihr nicht sicher seid, ob ihr gehen dürft, zeigt ihn irgendwem. Ihr werdet überall Menschen finden, die wissen, was er bedeutet.« ˧

Sie legte jedem eine Muschel in die Hand. Marcos war noch warm vom Korb. ˧

»Und wenn ich ihn nicht brauche?«, fragte er. ˧

Tamsin lächelte, und es war ein Lächeln, das älter war als sie selbst. ˧

»Dann hast du Glück gehabt«, sagte sie. »Aber du wirst trotzdem wissen, dass es ihn gibt. Und das genügt manchmal schon, um frei zu sein.« ˧

--- ˧

Später, als die Lichter in der Muschel erloschen und die Hecken allein zu reden begannen, saßen Marco und Lucinda noch lange auf den Lehmstufen. ˧

»Hast du Angst?«, fragte er. ˧

Lucinda drehte ihre Muschel zwischen den Fingern, so dass das halbe Spiralmuster im Mondlicht auftauchte und wieder verschwand. ˧

»Ich habe Angst, dass es mir zu gut gefällt«, sagte sie. »Dass ich irgendwo ankomme und denke: Hier bleibe ich. Und dass das dann falsch sein könnte, oder richtig, und ich es nicht weiß.« ˧

»Sie haben uns gesagt, dass beides erlaubt ist.« ˧

»Das haben sie.« Sie sah ihn an. »Aber *sagen* und *wissen* sind nicht dasselbe, oder?« ˧

Marco antwortete nicht. Über ihnen sang die Hecke einen langen, ruhigen Ton, der sich erst in der Dunkelheit auflöste. ˧

Morgen früh würden sie aufbrechen. Der erste Ort auf der Liste hieß Opher, ein Dorf in den Bäumen, drei Tagesreisen entfernt. ˧

Er hielt die Muschel fest in der Hand und fühlte, dass sie jetzt ganz warm war. ˧

(Musik) ˧

2.Kapitel Das Neue Mittelalter    

Aus dem Gedächtnisbuch von Tinuviel. Die Erzählung wird jedem Jahrgang am ersten Abend der Reise vorgelesen, in der Wegstation hinter dem Pass, bevor das Dorf aus den Augen verschwindet. Die Fassung stammt von Edda, Marcos Großmutter, die sie so oft erzählt hat, dass sie sie schon nicht mehr aufschreiben konnte, ohne sie wieder zu verändern. ˧

Ihr fragt, wie es dazu kam. Dass ihr in einer Welt aufgewachsen seid, in der niemand euch vorschreibt, wie ihr zu leben habt, und in der es trotzdem keinen Krieg gibt, den ihr kennt. Ich sage euch gleich: Es war kein Geschenk. Es war Arbeit, und zwar vieler, über Jahrzehnte, und es ging mehrmals fast schief. ˧

Als die Räder stillstanden ˧

Wer nach den alten Bildern urteilt, der denkt, es sei ein großer Zusammenbruch gewesen: Städte in Flammen, Menschen auf der Flucht. Das gab es auch, an manchen Orten. Aber das Meiste war leiser. Es war ein langsames Auseinanderfallen dessen, was man damals »die Wirtschaft« nannte. ˧

Die Fabriken brauchten immer weniger Menschen. Die Menschen, die sie nicht mehr brauchten, brauchten trotzdem Brot. Das Geld, das sie dafür gebraucht hätten, lief in Rechnungen, die niemand mehr bezahlen konnte, und die Banken liehen einander Geld, um die Schulden von gestern zu begleichen, bis die Zahlen so groß wurden, dass sie nichts mehr bedeuteten. Die Mächtigen jener Zeit führten Kriege um Dinge, die sie nicht mehr herstellen konnten, und merkten nicht, dass das Spiel, das sie spielten, längst ohne Spieler lief. ˧

Die Städte, die man auf Export gebaut hatte, hungerten zuerst. Dann zogen die Menschen hinaus. ˧

Es waren die Gewinner und die Verlierer, beide gemeinsam. Die einen, weil sie es sich leisten konnten, die anderen, weil sie keine Wahl mehr hatten. In den alten Büchern steht, dass sie sich auf den Straßen begegneten und einander nicht ansahen. Ein Jahrzehnt später arbeiteten ihre Kinder auf denselben Feldern. ˧

Das Netz, das nichts vergaß ˧

Das Erste, was die Landbewohner begriffen, war, dass sie nicht allein waren. ˧

Es gab das alte Netz der Computer noch, und es gab Menschen, die es für etwas anderes benutzten als zum Zeitvertreib. Ein Imker in den Karpaten stellte den Bauplan für einen Rauchkasten hinein. In Kenia verbesserte ihn jemand und stellte die Verbesserung wieder hinein. Ein Mädchen in Ohio fügte hinzu, wie man ihn aus Resten baut. Innerhalb von zwei Jahren gab es keinen Imker mehr auf der Welt, der nicht den besten Rauchkasten benutzen konnte, und niemand war reicher dadurch geworden, außer an Honig. ˧

Man nannte es später das Wissensnetz. Es war kein Ort und kein Eigentum. Es war eher ein Gedächtnis, an dem alle mitschrieben und das niemandem allein gehörte. Wer eine Lösung fand, stellte sie hinein. Wer ein Problem hatte, fand dort seinen Nachbarn am anderen Ende der Welt, der es schon gelöst hatte. ˧

Das veränderte alles. Ein Dorf, das früher einen Konzern brauchte, um eine Maschine zu bekommen, konnte jetzt die Pläne laden und sie nebenan in einer Containerwerkstatt drucken lassen. Die großen Fabriken verloren ihre Kunden nicht an Rivalen. Sie verloren sie, weil sie überflüssig wurden. ˧

Die Wunden der Erde ˧

Dann begann das Pflanzen. ˧

Es dauerte länger als alles andere. Ihr müsst wissen, wie das Land damals aussah: Böden, die man totgespritzt hatte, Hänge, an denen der Regen den Humus davongetragen hatte, Täler, in denen die letzten Bäume schon vor Generationen gefällt worden waren. Die Menschen, die dorthin zurückkehrten, fanden kein Paradies, sondern Wunden. ˧

Aber sie hatten nun Zeit, und sie hatten Wissen, und sie hatten einander. Sie legten Hecken an, die den Wind brachen. Sie ließen Wasser langsam durch die Täler laufen, statt es abzuleiten. Sie pflanzten Wälder, in denen zugleich Nüsse, Futter, Holz und Medizin wuchsen. Manche taten es allein, die meisten in Gemeinschaften, und jede dieser Gemeinschaften lernte von den anderen. ˧

Die Wüste, sagt man, wurde als letztes zurückgeholt. Aber sie wurde zurückgeholt. Heute weiden Ziegen dort, wo meine Urgroßmutter noch Sand sah. ˧

Wer wir sein wollten ˧

Und dann kamen die Träume. ˧

Das ist der Teil, den man in den alten Chroniken am wenigsten findet, weil er sich nicht in Zahlen fassen ließ. Als die Menschen satt waren und die Not nachließ, meldete sich etwas anderes: der Hunger nach Sinn. Man wollte nicht mehr nur überleben. Man wollte wissen, wofür. ˧

So entstanden die Assoziationen. Menschen, die denselben Traum hatten, fanden sich, bauten sich einen Ort dafür, und dieser Ort sah dann so aus wie der Traum. Eine Gruppe, die glaubte, der Mensch gehöre in die Bäume, baute Opher. Eine andere, die an die Ordnung der Stille glaubte, errichtete ein Dorf aus Glas und Schweigen, in dem eine Weberin namens Ruth ihre Heimat fand. Es entstanden Dörfer, die ganz der Technik gewidmet waren, und Dörfer, die ganz dem Tanz gehörten. Man schlug sich nicht mehr um die richtige Meinung. Man baute das Bild seiner Meinung auf und lud ein, es anzuschauen. ˧

Es wird nicht missioniert. Es wird ein Beispiel geliefert. So sagen wir es noch heute. ˧

Die Maschinen halfen dabei. Das wird oft vergessen. Die Automaten, die einmal die Arbeit in den Fabriken ersetzt hatten, übernahmen jetzt die Mühsal in den Dörfern: das Pflügen, das Heben, das Berechnen. Und die künstlichen Verstande, die man früher gefürchtet hatte, saßen nicht in Hochhäusern und befahlen, sondern lagen in den Werkstätten wie ein kluger Handwerkergeselle. Sie schlugen vor, rechneten nach, übersetzten, erinnerten. Entscheiden durften sie nicht, nicht weil sie es nicht gekonnt hätten, sondern weil wir beschlossen hatten, dass manche Dinge nicht abgegeben werden. ˧

Der Lange Streit ˧

Aber, und jetzt kommt der Teil, der kein Fest ist. ˧

Als die Dörfer wuchsen und ihre Träume sich verfestigten, gab es auch solche, die ihren Traum für den einzig wahren hielten. Es gab Gemeinschaften, die ihre Kinder nicht gehen ließen. Es gab Orte, an denen eine Frau nicht reden durfte, an denen ein Zweifler verstoßen wurde, an denen der Glaube zum Zaun wurde. Es waren, wie bei den Amish in alter Zeit, nicht immer schlechte Menschen. Meistens waren es Menschen, die Angst hatten, ihre Welt könne sich auflösen. ˧

Und die Frage kam auf, die uns alle fast zerrissen hat: Was tut man mit ihnen? ˧

Die einen sagten: Man muss sie zwingen. Man muss eine Macht schaffen, die über allen Gemeinschaften steht und überall dieselben Regeln durchsetzt. Das war die Stimme der Alten Ordnung, und sie klang vernünftig, weil sie das Leid sah. Sie hätte uns einen neuen Staat gebracht, größer als alle zuvor, mit dem besten aller Gründe. ˧

Die anderen sagten: Man muss sie in Ruhe lassen. Jede Gemeinschaft hat das Recht auf ihren Traum, auch auf einen Traum, der uns nicht gefällt. Das war die Stimme der Freiheit, und sie klang edel, weil sie den Zwang scheute. Sie hätte uns eine Welt voller verschlossener Türen gebracht, hinter denen niemand wusste, was geschah. ˧

Beide Stimmen hatten recht, und beide wären unser Verderben gewesen. ˧

Die Offenen Türen    

Was uns rettete, war etwas Kleineres. ˧

In einem Dorf an der Grenze zwischen einer strengen Gemeinschaft und der übrigen Welt betrieb eine Frau namens Salima ein Gasthaus. Sie fragte nicht, woher jemand kam. Sie gab Suppe und ein Bett. Eines Nachts klopfte ein Junge, vierzehn Jahre alt, mit dem Mantel seines Vaters über den Schultern und in Hausschuhen. Sie gab ihm Suppe und ein Bett. ˧

Am nächsten Morgen kamen die Männer seines Dorfes und forderten ihn zurück. Salima öffnete die Tür, bat sie ins Haus, schenkte ihnen Tee ein. Sie sagte nichts gegen sie. Sie sagte nur: »Er ist mein Gast. Wenn er gehen will, geht er. Wenn er bleiben will, bleibt er. Fragt ihn selbst.« ˧

Sie fragten ihn. Er blieb. ˧

Das war nichts Großes, aber es sprach sich herum. Andere Frauen und Männer öffneten ihre Häuser auf dieselbe Weise, an Grenzen, an Wegkreuzungen, in Städten. Sie verabredeten, dass keiner einen Gast herausgeben würde, der nicht selbst gehen wollte, und dass jeder, der Hilfe suchte, an irgendeiner Tür Aufnahme fand. Man nannte es zuerst Salimas Brauch, dann die Offenen Türen. Später gab man ihm den alten Namen, den ein Schweizer einmal ersonnen hatte: sila, die Gastfreundschaft. ˧

Und dann geschah, was niemand geplant hatte. Die Gemeinschaften, die ihre Kinder festhalten wollten, merkten, dass sie es nicht mehr konnten, ohne ihre Bauern, ihre Schmiede, ihre Heilerinnen zu verlieren. Denn dort, wo es eine Tür gab, gab es auch einen Weg, und die Menschen, die gegangen waren, schrieben Briefe. Man konnte nicht mehr sagen, die Welt draußen sei grausam, wenn die eigenen Verwandten von ihr erzählten. ˧

Es dauerte fünfzig Jahre. Es gab Tote, auch wenn der Streit nie zum Krieg wurde, denn wo einer nicht gehen durfte, gab es Menschen, die ihn holten, und nicht jedes Mal ging es gut. Es gab Boykotte, in denen eine Gemeinschaft für Jahre keinen Zugang zum Wissensnetz hatte, bis sie sich entschloss, ihre Türen zu öffnen. Es gab die Zeit, in der die Dörfer sich im Rat der Gastgeber versammelten, ein Gremium, das nur zwölf Tage im Jahr zusammentreten durfte und dessen Satzung ausdrücklich vorsah, dass es sich selbst auflösen müsse, sobald es seinen Zweck erfüllt habe. ˧

Es hat sich aufgelöst. Dreimal. Und dreimal wurde es von neuem gebraucht und wieder gegründet, und jedes Mal wussten alle, dass es wieder verschwinden würde. ˧

  • Was daraus wurde ˧
So wurde unsere Welt ein Mittelalter. Ich sage das mit Absicht, denn die Alten, die so sprachen, meinten es nicht als Rückschritt: ein Mosaik aus Orten mit ihrem je eigenen Eigensinn, ihrer eigenen Kleidung, ihren eigenen Gesetzen, und doch verbunden durch ein Gewebe, das niemand besaß. Nur tausendmal bunter, wie man bei uns sagt. ˧

Und über allem steht der Satz, der nirgends aufgeschrieben ist, weil er nicht aufgeschrieben werden muss: ˧

Niemand gehört einem Dorf. ˧

Das ist es, was ihr morgen im Gepäck tragt. Nicht die Muschel, nicht die Lieder, nicht unsere Hoffnungen. Es ist dieser Satz. Wenn ihr ihn irgendwo vergessen seht, dann wisst ihr, wozu ihr da seid. ˧

Und jetzt schlaft. Morgen wartet Opher. ˧

(Musik ... eventuell Pflanzenmusik wenn gemeinfrei) ˧

3. Opher oder das Leben in und mit den Bäumen    

(Anmerkung FN: dieses Kapitel widme ich der lieben Lucertola Pepe aus Damanhur) ˧

Am dritten Tag verlor Marco den Boden. ˧

Nicht gleich und nicht ganz. Zuerst war da nur der Wald, der sich verdichtete: Buchen, die man vor hundert Jahren gesetzt haben musste, dazwischen Esskastanien und Nussbäume, und Hecken, die so alt waren, dass sie sich in Bäume verwandelt hatten. Der Weg verengte sich zu einem Pfad, der Pfad zu einer Spur im Moos. Dann sah Marco, dass die Spur an einem Stamm endete, und an diesem Stamm hing eine Leiter. ˧

Nicht aus Holz, sondern aus Seil, grün von Algen, und sie bewegte sich im Wind. ˧

»Das ist der Eingang?«, fragte Kaspar. ˧

»Der Eingang ist überall«, sagte eine Stimme von oben. »Aber ihr habt gerade den bequemsten gefunden.« ˧

Die Frau, die sich über die Plattform beugte, war klein und sehnig und vielleicht siebzig Jahre alt, mit weißen Haaren, die sie zu einem Knoten gebunden hatte, in dem ein trockenes Blatt steckte. Sie sagte, sie heiße Eule Eiche, und als Kaspar fragte, ob das ihr richtiger Name sei, lachte sie so, dass die Blätter über ihr zitterten. ˧

»Es ist der Name, den ich mir gegeben habe, als ich hierher kam«, sagte sie. »Wir wählen ein Tier, das uns ähnelt, und eine Pflanze, die uns trägt. Die alten Namen legen wir ab, nicht weil sie schlecht wären, sondern weil man mit ihnen immer wieder derselbe sein müsste. Es ist leichter, ein anderer zu werden, wenn man einen neuen Namen hat.« ˧

»Und wenn ich meinen alten behalten will?« ˧

»Dann behalte ihn.« Sie zuckte die Schultern. »Niemand zwingt dich, ein Tier zu sein. Aber ihr werdet sehen, dass es hier einfacher ist, als ihr denkt.« ˧

Sie ließ die Leiter für die acht hinab, und einer nach dem anderen stieg hinauf. Marco kam als Letzter. Er sah nicht hinunter, aber als er oben ankam, tat er es doch, und der Boden war sehr weit weg. ˧

Er hatte keinen Boden mehr. ˧

Das Dorf Opher bestand aus keinem einzigen Haus, das auf dem Erdboden stand. ˧

Es gab Wohnungen, die man in die Kronen gebaut hatte, aber das war das Wenigste. Es gab Räume, die in die Stämme selbst hineinwuchsen: ausgehöhlte Höhlungen, in denen man leben konnte, weil der Baum es erlaubte, und die der Baum jedes Jahr ein wenig veränderte. ˧

Es gab Brücken, die man aus lebenden Wurzeln gezogen hatte, Treppen aus verflochtenen Ästen, Gärten auf Plattformen, die wie Teller in der Luft hingen. Es gab Gemeinschaftsräume, die so groß waren wie eine Kirche, und in ihnen wuchsen Bäume durch den Raum hindurch, ohne dass jemand sie gefällt hätte. ˧

Das Licht fiel gebrochen durch Blätter. Es roch nach Harz und Erde, und doch war die Erde sehr weit unten. ˧

Marco bekam sein Zimmer in einer alten Buche, die man »Großvater« nannte. Es war ein rundes, warmes Gelass, das sich beim Atmen leicht zu weiten und zu verengen schien. Das Fenster hatte keine Scheibe, nur einen Rahmen aus Rinde, und durch ihn sah man in das Gewimmel von Ästen, in dem jeden Moment etwas Neues geschah: ein Eichhörnchen, ein Specht, ein fremder Vogel, der den Kopf schief legte. ˧

»Er mag dich«, sagte Eule Eiche, als sie ihn hinführte. ˧

»Wer?« ˧

»Der Großvater.« Sie klopfte mit der flachen Hand gegen die Wand. »Er weiß es noch nicht. Aber er mag dich.« ˧

Marco wusste nicht, was er darauf antworten sollte. ˧

Am Abend lernte er die Musik kennen. ˧

Sie saßen auf einer Plattform hoch oben, die Alten, ein paar Kinder, die Besucher, und Eule Eiche gab Marco ein Stück Holz in die Hand, das mit einem feinen Draht verbunden war. Der Draht führte zu einer Rinde, und die Rinde gehörte zu einem Baum, der ganz anders aussah als die anderen: eine Eiche, vielleicht dreihundert Jahre alt, deren Äste sich zu einer fast vollkommenen Kuppel gewölbt hatten. ˧

»Hör«, sagte Eule. ˧

Zuerst hörte er nichts. Dann, ganz leise, wie ein Atem, einen Ton. Er stieg langsam an, blieb stehen, fiel ab. Ein zweiter folgte, höher. Es war weder Flöte noch Geige, eher etwas dazwischen, und es hatte etwas von Wasser. ˧

»Das ist der Baum?«, fragte Marco. ˧

»Das ist, was wir von ihm hören.« Sie lächelte. »Wir haben nicht aufgehört zu fragen, was es ist. Aber der Baum spielt.« ˧

Marco hatte davon gehört. Jedes Kind in Tinuviel kannte die Geschichten: dass es Dörfer gab, in denen die Bäume Musik machten, dass man mit feinen Fühlern die kleinen elektrischen Schwankungen im Blatt und in der Wurzel abgreifen und in Klang übersetzen konnte. Was er nicht wusste, war, wie es sich anfühlte, daneben zu sitzen, mit dem Holz in der Hand, während über ihm in der Dunkelheit ein dreihundertjähriges Wesen etwas tat, das man nicht anders nennen konnte als Atmen mit Stimme. ˧

»Es ist nur Rauschen«, sagte Kaspar leise neben ihm. »Das Signal ist schwach, das Gerät übersetzt es in Töne, die uns gefallen. Wer weiß, ob die Eiche nicht einfach nur Wasser hochpumpt.« ˧

Marco rechnete damit, dass jemand empört reagieren würde. Doch Eule nickte nur. ˧

»Vielleicht«, sagte sie. »Wir wissen es nicht. Das Gerät übersetzt, und wer übersetzt, entscheidet immer ein wenig mit. Wir haben viele Jahre darüber gestritten, ob wir den Pflanzen etwas in den Mund legen. Manche von uns glauben, dass sie wirklich lernen: dass ein Baum, der oft genug seine eigene Stimme hört, sie nach einiger Zeit zu formen beginnt. Andere sagen, wir hören nur uns selbst.« Sie hob die Schultern. »Beide Gruppen sitzen am Abend gemeinsam auf dieser Plattform und hören zu. Das genügt.« ˧

»Warum?« ˧

»Weil es nicht darauf ankommt, wer recht hat.« Ihre Stimme wurde weich. »Es kommt darauf an, dass wir aufhören, so zu tun, als wäre der Baum nichts weiter als Holz. Ob er zu uns spricht oder nicht, wir haben angefangen, ihm zuzuhören. Und wer lange genug zuhört, beginnt, etwas anderes zu werden.« ˧

In den nächsten Tagen lernte Marco, dass Opher kein Dorf war, in dem man etwas machte. Es war ein Dorf, in dem man etwas geschehen ließ. ˧

Er half beim Flechten einer neuen Brücke und stellte fest, dass sich die Wurzeln nicht beeilen ließen. Man führte sie sanft, man gab ihnen Richtung, und sie wuchsen, wie und wann sie wollten. Die Brückenbauerin, ein stämmiger Mann namens Dachs Haselnuss, sagte, er habe vier Brücken in seinem Leben gebaut und keine davon beendet: »Man übergibt sie nur an den Baum und hofft, dass er sie annimmt.« ˧

Er half bei den Wanderkübeln, die ihn am meisten verblüfften. Es waren kleine, flache Wagen auf Rädern, in denen Pflanzen standen, Farne, junge Kräuter, ein Zitronenbäumchen. Sie waren mit Fühlern verbunden, die das Licht und die Feuchtigkeit maßen, und die Pflanze selbst, so erklärte man ihm, lenkte den Wagen. Ein Farn, der Sonne brauchte, rollte langsam, kaum merklich, über die Plattform, bis er einen Lichtfleck gefunden hatte. Und wenn der Lichtfleck weiterwanderte, folgte er ihm. ˧

»Er fährt selbst«, sagte ein Mädchen von acht oder neun Jahren, das neben ihm hockte. »Der da hat sogar einen Führerschein.« Sie zeigte auf einen kleinen Kerbholzstreifen am Wagen, auf dem etwas eingeritzt war. »Wir haben ihn ihm gegeben, weil er nie gegen die Wand fährt.« ˧

»Gegen die Wand?« ˧

»Er ist ein sehr guter Fahrer.« ˧

Marco lachte, dann hörte er auf zu lachen. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es seltsam war, wie sehr er die Pflanzen gewohnt war, still zu stehen. Dass man ihre Bewegungslosigkeit einfach hingenommen hatte, als wäre sie eine Natureigenschaft und nicht eine Frage der Möglichkeiten. ˧

»Und was tun sie, wenn sie nicht mehr wollen?«, fragte er. ˧

»Dann bleiben sie stehen.« Das Mädchen zuckte die Achseln. »Und wir lassen sie.« ˧

In der fünften Nacht erwachte er im Großvater und wusste nicht, wo er war. ˧

Es war nicht dunkel. Das Licht des Mondes sickerte durch den Fensterrahmen, und über ihm knarrte etwas, ein tiefes, langsames Geräusch, wie ein Schiff in See. Marco saß lange aufrecht im Bett. Dann stand er auf, ging zum Fenster und sah hinaus. ˧

Er sah die Äste, die Brücken, die Plattformen, das gedämpfte Glimmen der Lichter in den Kronen. Er sah, dass nichts davon sein Werk war. Nichts davon hatte er gemacht, nichts hatte er verstanden, nichts gehörte ihm. Er war in einen Organismus hineingeraten, der ihn nicht brauchte, der aber auch nichts gegen ihn hatte. ˧

Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht der Gestalter. ˧

Er hatte immer gewusst, dass er gut war im Bauen, im Weben, im Ordnen. Er hatte zu Hause gelernt, aus dem, was da war, etwas zu machen. Aber hier, im Großvater, in den Armen der Buche, wurde das alles klein. Er war ein Gast in einem Haus, das größer war als er und älter, in dem man nicht die Regeln machte, sondern lernte, zu leben. ˧

Etwas in ihm wehrte sich. Etwas anderes, tiefer, war beinahe erleichtert. ˧

Als es hell wurde, fand Eule Eiche ihn am Fenster sitzen. ˧

»Du hast nicht geschlafen.« ˧

»Nein.« ˧

»Das geht den meisten so.« Sie setzte sich zu ihm. »Man glaubt, man sei hier, um etwas zu lernen, und dann merkt man, dass man verlernt.« ˧

»Was verlernt man?« ˧

»Dass man der Mittelpunkt ist.« Sie sagte es freundlich. »Es ist erleichternd und furchtbar zugleich, und es dauert eine Weile, bis man den Unterschied nicht mehr spürt.« ˧

Marco sah sie an. Dann zog er die Kalkmuschel aus der Tasche, die er seit Tinuviel bei sich trug. Er wusste nicht warum, vielleicht, weil sie warm war. Eule Eiche warf einen Blick darauf, und etwas in ihrem Gesicht veränderte sich, nicht dramatisch, nur ein Hauch von Wiedererkennen. ˧

»Ah«, sagte sie. »Tinuviel.« ˧

»Sie sagen, wir sollen ihn jemandem zeigen, wenn wir…« ˧

»Ich weiß, was sie sagen.« Sie lächelte. »Und du brauchst ihn hier nicht. Aber ich sage dir etwas, das du dir merken kannst: Schau dir die Leiter an, die zu dir heraufführt.« ˧

»Die Seilleiter?« ˧

»Die Leiter hängt immer.« Sie sprach langsam, als zöge sie jedes Wort aus dem Holz. »Bei Tag und bei Nacht, im Sommer und im Winter. Sie wird nie hochgezogen. Das ist bei uns kein Gesetz und keine Vorschrift, es ist etwas, das man nicht ändern würde, so wenig wie man das Atmen ändert. Wer hinaufkommt, kann hinunter. Wer hinunter will, kann hinunter. Das ist der Preis dafür, dass wir so hoch wohnen dürfen.« ˧

Marco blickte auf die Muschel. Dann auf das Seil, das draußen im Morgenlicht schwang. ˧

»Wenn jemand sie hochzieht?« ˧

»Dann ist es nicht mehr Opher«, sagte Eule Eiche schlicht. »Dann ist es ein Haus auf Stelzen.« ˧

Am Abend dieses Tages saß er wieder auf der Plattform. Die Eiche spielte ihren langsamen, zögernden Gesang, und neben ihm spielte jemand auf einer Flöte mit, vorsichtig, als wollte er nicht stören. Der Ton der Eiche veränderte sich leicht, stieg an, folgte der Flöte ein Stück, und bog dann ab, in eine eigene Richtung. ˧

Marco wusste nicht, ob das ein Zufall war. ˧

Er beschloss, es nicht zu wissen. ˧

Er legte die Hand auf die Rinde. ˧

Am neunten Morgen sammelten sich die Acht auf der untersten Plattform, dort, wo die Seilleiter endete oder begann, je nachdem, von wo man sie ansah. ˧

Es war kalt geworden über Nacht. Der erste Reif hing in den Spinnweben, und die Buchen hatten begonnen, ihre Früchte fallen zu lassen. Überall auf den Plattformen lagen die kleinen dreikantigen Nüsse, und die Kinder sammelten sie in Körbe, ohne zu fragen, wem sie gehörten. ˧

Eule Eiche stand am Geländer, Dachs Haselnuss neben ihr, mit seinen groben Händen in den Taschen. Die Kinder waren auch da, auch das Mädchen vom Wanderkübel, und hinter ihr, mit eingezogenen Blättern, der Farn mit dem Führerschein. ˧

Marco wusste seit der Nacht, dass er etwas sagen musste, und er sagte es, bevor jemand anderes etwas sagen konnte. ˧

»Ich möchte bleiben.« ˧

Es wurde still. Kaspar wandte langsam den Kopf. Lucinda sah ihn an und lächelte, ein wenig traurig, als hätte sie es kommen sehen. Sie hatte ihm in Tinuviel gestanden, wovor sie selbst sich fürchtete, und jetzt hörte sie es aus seinem Mund. ˧

Eule Eiche sagte nichts. Sie sah ihn nur an, lange. ˧

»Dann bleib«, sagte sie schließlich. ˧

Er hatte etwas anderes erwartet. Einen Einwand, einen sanften Widerstand, ein Aber. Stattdessen sah er, dass sie es ernst meinte, dass der Satz kein Test war und keine Falle. Dachs nickte. Das Mädchen sah neugierig von einem zum anderen. ˧

»Du kannst bleiben«, fuhr Eule fort. »Das Zimmer im Großvater gehört dir, solange du magst. Niemand wird dich fragen, ob du das Richtige tust. Niemand wird sagen, dass du deine Reise abbrichst, denn es gibt keine Reise, die man abbrechen könnte. Nur Orte, an denen man aufhört zu gehen.« Sie lächelte, sehr müde und sehr freundlich. »Aber ich möchte dir etwas fragen, und du musst nicht antworten. Wenn du bleibst, bleibst du dann, weil du hier angekommen bist? Oder weil du dich vor dem nächsten Ort fürchtest?« ˧

Marco öffnete den Mund und schloss ihn wieder. ˧

Er hatte in den vergangenen Tagen gelernt, dass der Mensch nicht der Mittelpunkt war. Er hatte es als Erleichterung erlebt und als Verlust. Und jetzt sah er, was das Schwierigste daran war: dass die Erleichterung ihn dazu verführte, dort zu bleiben, wo es sie gab. Dass er den Großvater liebte, weil er ihn trug, und dass diese Liebe auch eine Flucht sein konnte. ˧

»Ich weiß es nicht«, sagte er ehrlich. ˧

»Das ist eine gute Antwort.« Eule Eiche trat näher. »Dann nimm sie mit. Frag dich unterwegs, ob du etwas zurücklassen möchtest oder etwas gefunden hast, das du anderswo wiederfinden willst. Und wenn du eines Tages sicher bist, dann komm. Oder bleib, wo du dann bist.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Die Leiter hängt.« ˧

Es war derselbe Satz, den die Alten in Tinuviel zu ihm gesagt hatten, nur in anderen Worten. Und plötzlich verstand er, was Tamsin gemeint hatte: dass die Freiheit zu bleiben und die Freiheit zu gehen keine Gegensätze sind. Nur wer wirklich bleiben darf, kann wirklich gehen. Es war die offene Leiter, die ihm die Möglichkeit gab, sich zu entscheiden, und nicht die Entscheidung selbst. ˧

Er nickte. Er hatte Tränen in den Augen und schämte sich nicht. ˧

Das Mädchen kam als Letztes. Sie zog etwas aus der Tasche und drückte es ihm in die Hand. ˧

Es war eine einzelne Buchecker, glatt und braun und noch ein wenig feucht. ˧

»Vom Großvater«, sagte sie. »Er hat sie heute Nacht fallen lassen, vor dem Frost. Das macht er sonst nie vor dem ersten Eis.« Sie zuckte die Schultern, und ihr Gesicht war ernst und ganz kindlich zugleich. »Vielleicht wollte er, dass du sie mitnimmst.« ˧

»Vielleicht«, sagte Marco. ˧

»Oder es ist Zufall.« ˧

»Oder das.« ˧

Sie sah ihn prüfend an. »Du weißt es nicht, oder?« ˧

»Nein.« ˧

»Gut.« Sie nickte zufrieden. »Dann bist du schon ein halber Opherer.« ˧


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Schluss    

Liebe Hörerinnen und Hörer, acht junge Menschen sind aufgebrochen, und wir haben sie bis in die Bäume von Opher begleitet. ˧

Was haben wir dabei gesehen? Zunächst ein Versprechen. Ein Dorf, das seinen Jugendlichen ausdrücklich sagt: Ihr schuldet uns keine Rückkehr, und ihr verliert nichts durch den Abschied. Das ist das Gegenteil jeder Prüfung, die sich ein Mensch erst verdienen muss. Mia in Panshins Roman musste sich ihre Zugehörigkeit erkämpfen, und am Ende stand eine Gemeinschaft, die bereit war, einen ganzen Planeten zu vernichten. Hier steht am Anfang ein Satz, der niemanden zu etwas zwingt. ˧

Dann haben wir gehört, wie diese Welt zu ihrer Art kam. Nicht durch eine Weltregierung und nicht durch den Verzicht auf jede gemeinsame Regel, sondern durch etwas viel Kleineres: durch Gasthäuser, die ihre Türen offen hielten, durch Menschen wie Salima, die einen Jungen fragen ließen, statt ihn herauszugeben. Und durch einen Rat, der sich selbst auflösen muss, sobald er seinen Zweck erfüllt hat. Das war unsere vorläufige Antwort auf die Frage aus Folge 73: Wie schützen wir den Menschen vor seiner eigenen Gemeinschaft, ohne einen neuen Souverän zu schaffen? ˧

Und schließlich Opher, wo die Leiter nie hochgezogen wird. Wo einer bleiben darf und gerade deshalb gehen kann. Wo man lernt, Mitgeschöpf zu sein statt Mittelpunkt, und wo auch der Zweifler zuhören darf, ohne etwas glauben zu müssen. ˧

Aber ich will ehrlich sein. Bisher haben wir nur die guten Fälle gesehen. Noch ist keine Gemeinschaft gekippt, noch ist keine Leiter hochgezogen worden. Das nächste Mal, in Sendung 75, setzen wir die Geschichte fort, mit einer Begegnung, die Hermann Hesses Josef Knecht in einem Benediktinerkloster erlebt hat. Und mit der Frage, was geschieht, wenn eine Gemeinschaft ihren Traum nicht mehr als Einladung versteht, sondern als Besitz. ˧

Bis dahin: Lasst die Leiter hängen. ˧

FORTSETZUNG FOLGT in Sendung 35 ˧