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Wie Engin Çatık die "schlimmste Schule Deutschlands" aus der Krise geführt hat.
Lisa Nimmervoll 10. März 2026 Er sagt über sich: "Ich kann Krise." Engin Çatık meint das nicht als Kampfansage, sondern als Haltung. Als er vor einem Jahr die Leitung der Friedrich-Bergius-Schule in Berlin übernahm, eine Integrierte Sekundarschule mit rund 400 Jugendlichen von Klasse 7 bis 10, war die Lage dramatisch: Mobbing, Gewalt, Chaos, Lehrkräfte im Dauerkrankenstand. Çatık wurde nach einem siebenseitigen "Brandbrief" des Kollegiums an "die Bergius" in Friedenau geschickt, um "die schlimmste Schule" Deutschlands "zu stabilisieren". Schulleiter Engin Çatık will "die stärken, die sich an die Regeln halten". Das heißt etwa, dass Zuspätkommende vor der Tür bis zum Einlass um 8:15 Uhr warten müssen.MaurizioxGambarini? STANDARD: In welchem Zustand fanden Sie die Schule im Jänner 2025 vor? Çatık: Die Atmosphäre war spürbar angespannt. Gleich in meiner ersten Woche gab es einen größeren Polizei- und Rettungseinsatz, weil ein Schüler Reizgas benutzt hatte und es zu leichten Körperverletzungen gekommen war. Das hat die Lage gut zusammengefasst. Solche Vorfälle sind davor regelmäßig passiert. Man konnte die Anspannung auf dem Schulhof fühlen, auch die Verunsicherung im Kollegium. Kinder und Jugendliche spüren, wenn Verunsicherung im Spiel ist, und nutzen das aus. Gleichzeitig habe ich eine hohe Form der Veränderungs- und Gesprächsbereitschaft gespürt – in der Schülerschaft und im Kollegium. STANDARD: Jetzt, ein Jahr später – ist "die Bergius" stabil? Çatık: Was ich klar sagen kann: Die Krise ist vorbei. Sie war enorm herausfordernd für alle Beteiligten – Eltern, Schülerschaft, Kollegium. Das heißt nicht, dass alle Probleme verschwunden sind. Ich habe noch nicht für alles die passenden Antworten. Schulentwicklung braucht Zeit. Das ist wie in der Gesellschaft. Wir müssen die Probleme nur angehen. Daran arbeiten wir im Team. STANDARD: Ausgangspunkt war der "Brandbrief" der Lehrkräfte, ein Hilfeschrei. Wo waren die Hauptprobleme? Çatık: Die Heterogenität der Schülerschaft spielt eine große Rolle – und damit meine ich nicht nur kulturelle Herkunft, sondern auch soziale Herkunft, Sprachbarrieren, Lernbereitschaft. All die Sorgen, die Jugendliche mit in die Schule bringen. Im Brief wurde eine Willkommensklasse gefordert, weil Kinder mit Fluchterfahrung bis dahin in Regelklassen unterrichtet wurden. Das ist fatal, weil sich die Bandbreite der Lern- und Leistungsbereitschaften durch die Sprachdefizite noch vergrößert. Ich habe, da das in der Entscheidung der Schule mit dem Schulträger liegt, innerhalb von drei Wochen eine Willkommensklasse etabliert. Jetzt werden die Schülerinnen und Schüler dort beschult, bis sie das notwendige Sprachniveau erreicht haben, und wechseln erst dann in die Regelklasse. STANDARD: In Österreich sind eigene Deutschförderklassen ein großes Streitthema. Wie stehen Sie dazu? Çatık: Ich halte das für absolut richtig. Wir müssen manchmal harte, pädagogische Entscheidungen treffen, um im Sinne des Schülers zu agieren. Wir richten gerade einen zusätzlichen Deutschförderkurs ein. Und ich habe entschieden, dass Jugendliche mit großen Sprachdefiziten keine weitere Fremdsprache machen können. Neben Englisch könnten sie bei uns Französisch oder Spanisch wählen, aber das werde ich künftig nicht mehr durchgehen lassen. Ich werde mich darauf konzentrieren, dass sie die deutsche Sprache erlernen und natürlich Englisch. Damit du einen Abschluss schaffst, musst du die Bildungssprache verstehen – und die ist nun mal Deutsch. Alles Weitere kann kommen, wenn die Grundlagen stimmen. STANDARD: Welche Maßnahme haben Sie noch umgesetzt? Çatık: Das zweite große Thema waren Jugendliche, die Schule nicht als passendes Angebot wahrnehmen, weil sie es nicht schaffen, jeden Tag von acht bis 15 Uhr in der Schule zu sitzen. Für sie haben wir zwei neue Lerngruppen für duales Lernen: drei Tage Schule, zwei Tage Betriebspraktikum. Es gibt Jugendliche, denen praktisches Lernen mehr liegt als theoretisches Lernen. Auch das entlastet die Regelklassen und gibt jenen, die dort nicht gut "funktioniert" haben, eine neue Chance. Auch das wirkt nicht sofort bei allen, und ganz ehrlich: Wir werden nie 100 Prozent der Schülerschaft zu einem Abschluss bringen. Manche Defizite reichen bis in die Kita-Jahre zurück. Wenn schon viel frühkindliche Bildung schiefläuft, holt man manches nicht mehr auf. STANDARD: Gab es auch Rituale, die beim Neuanfang wichtig waren? Çatık: Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass ich nur für Härte stehe. Meine erste alltägliche Entscheidung war Präsenz. Ich stehe fast jeden Morgen an der Tür und begrüße die Schülerinnen und Schüler, gehe in jeder Hofpause hinaus. Mein Büro ist zugänglich. Ich wollte die Schule wieder zu einem Lern-, Beziehungs- und Lebensraum machen. Systemisch braucht es manchmal harte Entscheidungen, aber in der Haltung und Pädagogik bin ich ein sehr zugewandter Mensch. Wer pünktlich zum Unterricht in das idyllische Gebäude der "Bergius" kommt, wird von Schulleiter EnginÇat?ık persönlich begrüßt. Er ist fast jeden Tag das Empfangskomitee.MaurizioxGambarini? STANDARD: Woran erkennt man Ihre "harte" Hand oder Klarheit? Çatık: Wir haben einen Verspätungsempfang installiert. Wer zu spät kommt, steht vor verschlossenen Türen und muss bis 8:15 Uhr warten. Dann bringt die Schulsozialarbeit diese Schüler in den Unterricht. Ich will diejenigen stärken, die ihr Recht auf Bildung wahrnehmen. Es darf keine Kollektivbestrafung geben. Wir arbeiten am Einzelfall. Wenn ich die Tür offen ließe, würde der Unterricht alle zwei, drei Minuten gestört. Ich möchte die stärken, die sich an die Regeln halten. Kürzlich habe ich einen Schüler suspendiert, weil er den Schulfrieden massiv gestört hat. Da muss man klar sagen: Jetzt ist Schluss. Wir glauben weiter an dich, aber solange du dein Verhalten nicht änderst, bist du nicht willkommen. STANDARD: Macht es einen Unterschied, dass jetzt ein Direktor die Schule leitet und Ansagen macht, der selbst muslimischen Migrationshintergrund hat und nicht mehr eine Direktorin mit deutschem Namen? Sie sind Sohn einer alleinerziehenden Mutter, Ihr Vater saß im Gefängnis, als sie so alt waren wie Ihre Schüler jetzt. Çatık: Es ist nicht so, dass es gar keinen Unterschied macht. Aber wichtiger ist, dass ich meinen Job verstehe und die richtige Haltung einnehme. Ja, meine äußeren Merkmale und meine Sozialisation führen dazu, dass ich die Lebensrealitäten vieler Jugendlicher kenne. Das ist vielleicht der Unterschied. Wobei es auch Kolleginnen ohne Migrationshintergrund gibt, die sehr gut wirken und ankommen, weil sie sensibel sind für die Lebenswelt der Jugendlichen. STANDARD: Sehen Sie sich selbst in manchen Ihrer Schüler? Çatık: Durchaus. Oder Freunde aus meiner Jugend, auch Familienmitglieder. Studien zeigen, dass vor allem junge Männer zunehmend abgehängt sind. Wir haben immer mehr Schwierigkeiten mit Jungs, die keinen Abschluss machen oder schlechtere Ergebnisse erzielen als Mädchen. Da kann ich eigene Erfahrungen einbringen und vielleicht sensibler reagieren. STANDARD: Und wie würden Sie Ihre Haltung konkreter beschreiben? Çatık: Als zugewandte Autorität mit viel Empathie. Ich habe drei Söhne und bin ihr Vater, nicht ihr Kumpel. Ich muss in Konflikte gehen und Orientierung auf dem Weg des Erwachsenwerdens geben, mit Klarheit und Zugewandtheit. Das ist Pädagogik. Wenn jemand sich gut verhält, sage ich das. Wenn nicht, benenne ich meine Enttäuschung. Uns geht die Konfliktbereitschaft verloren – als Erwachsene mit Schülern. Sie müssen sich an uns abarbeiten dürfen. Das ist emotional anstrengend, deshalb brauche ich die besten und widerstandsfähigsten Kolleginnen und Kollegen. Engin Çatik setzt auf eine empathische Zugewandtheit als Haltung und klare Regeln und Grenzen für seine Schülerinnen und Schüler. STANDARD: Religion, konkret der Islam, sorgt oft für Konflikte. In Österreich gibt es ein neues Kopftuchverbot bis 14. Eine Lehrerin Ihrer Schule berichtete von verweigerter Mitarbeit, weil Musik "haram" sei. Häufiges Thema ist auch verweigerter Schwimmunterricht. Wie gehen Sie damit um? Çatık: In der Schule über Religion per se zu sprechen, halte ich für nicht problematisch. Sie ist auch Teil ihrer Identität. Ein pauschales Kopftuchverbot halte ich für falsch, weil es eine Kollektiventscheidung ist. Wenn Schülerinnen oder Schüler Musik oder Sport verweigern, bin ich klar: Ich habe die Entscheidung getroffen, den Sportunterricht wieder koedukativ zu organisieren. Ich kenne die Werte des konservativen Islams, aber auch in erzkatholischen Haushalten. Die sind nicht großartig anders. Ich höre mir diese Begründung an und sage dann, welche Konsequenzen das hat: Wer nicht teilnimmt, bekommt null Punkte und wird keinen Abschluss machen. Wir müssen unser Wertekonstrukt erklären – wofür stehen wir in Deutschland, in Österreich, in Mitteleuropa? Und wir müssen differenzieren, ob jemand hier aufgewachsen oder erst vor einem Jahr vor den Taliban geflüchtet ist. STANDARD: Wie holt man ein erschöpftes Lehrerteam zurück? Çatık: Bis auf einen Kollegen sind alle geblieben, ich konnte sogar drei neue Lehrkräfte einstellen. Der Transformationsprozess ist anstrengend, viele sind erschöpft. Aber auch in anderen Berufen müssen Menschen in Transformationsprozessen bestehen. Um eine Schule wie diese in die Erfolgsspur zu bringen, muss man unbedingt Ressourcen organisieren. Wir haben jetzt fünf statt drei Schulsozialarbeiter und Kooperationen mit Vereinen, der Musikschule und der Straßensozialarbeit. Unsere Schule muss im Sozialraum verankert sein. Wir haben uns geöffnet – und siehe da: Die Unterstützungsbereitschaft um uns herum war enorm. STANDARD: Wie arbeiten Sie mit den Eltern? Çatık: Wir haben zweimal im Jahr zentrale Informationsabende, zu Schulbeginn verbinde ich den mit der Herausgabe der Schulbescheinigung, damit schaffe ich Anreize zur Präsenz. Wir nutzen auch religiöse und weltanschauliche Anlässe, etwa zum Weihnachtssingen oder Fastenbrechen. Kommunikation mit den Eltern darf nicht nur daraus bestehen, sich über ihre Kinder zu beschweren, wenn's hakt. Zweimal im Jahr gibt es ganztägige Bilanzgespräche, in denen jedes Kind und jeder Elternteil mit der Klassenleitung Ziele formuliert und Noten reflektiert. Aber Elternarbeit bleibt wirklich der größte Brocken. STANDARD: Wann wussten Sie, jetzt dreht sich etwas zum Besseren? Çatık: Seit dem dritten Tag hatte ich kein einziges Mal mehr die Polizei wegen Gewaltvorfällen an der Schule – stattdessen war sie als offizieller Kooperationspartner für Präventionsworkshops da. Es kann dennoch wieder etwas passieren, aber damit kommt die Krise nicht wieder zurück. Die Atmosphäre ist besser. Wir hatten eine tolle Projektwoche mit Workshops, Theater und Film, unsere neue Schülerzeitung hat einen Preis gewonnen, auch unser duales Lernkonzept. Auch von außen wird gesehen: Da tut sich was! STANDARD: Haben Sie einen Rat an Kolleginnen und Kollegen, die in Österreich "schwierige" Schulen leiten? Çatık: Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, immer die Kontrolle zu haben. Mehr Repression schafft keine gute Schule. Ich möchte uns alle daran erinnern, dass strengere Maßnahmen nicht per se bewirken, dass "der Laden besser läuft". Mein Anliegen ist, Schule zu einem Lebensraum zu machen. Die beste Initiative ist stets Prävention. Wir dürfen Jugendliche nicht aufgeben, sondern sollten ihnen zutrauen, dass sie – wenn nicht heute, dann morgen, aber stets mit unserer Unterstützung – so sind, wie es sich hoffentlich alle wünschen. | |||||||